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Zur Geschichte der Zinkweißhütte, auch „Ludwigshütte“ genannt, bis zum Vorabend des ersten Weltkrieges
von Günter Meusel (hier zum Teil 2)

Die Zinkweißhütte ist der einzigste Betrieb Bernsdorfs, der mit Beginn der Gründerjahre 1870/71 in die Ortsgeschichte eintrat und zu einem bedeutenden Unternehmen wurde.

Die Zinkweißhütte und die Zinkweißproduktion nehmen in der Geschichte der Bernsdorfer Industrie eine Sonderstellung ein. Sie ist erstens keine für die Lausitz typische Industrie, die wie die Glashütten, Eisenwerke, Kohlengruben oder Glassandschachte auf den Bodenschätzen der Lausitz wie Glassand, Kohle, Raseneisenerz oder auch auf dem Waldreichtum beruhen, obwohl sie durchaus auch davon profitierte.

Sie ist weit und breit auch die einzige ihrer Art geblieben. Zweitens blieb sie das von der Arbeiterzahl her kleinste der bedeutenden Unternehmen unseres Ortes. Und drittens gehört sie überhaupt zu den jüngeren Industriezweigen, um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Die nächsten Zentren dieser Produktion und damit der Konkurrenz lagen weitab in Oberschlesien, im Rheinland und in Belgien.

Was den jungen oberschlesischen Hütteningenieur Joseph Hermann Dudek veranlaßte, die ehemalige Glashütte, die „Ludwigshütte“, 1869 zu kaufen, lässt sich nur vermuten. Er brachte trotz seiner 26 Jahre aus Hüttenwerken in Oberschlesien schon recht große Erfahrungen mit und besaß, wie sich noch herausstellen sollte, Durchsetzungsvermögen, Beharrlichkeit und Ausdauer. Dazu kam ein ausgesprochenes Gespür für die Anwendung des Prinzips von Zuckerbrot und Peitsche gegenüber seinen Arbeitern.

Auf einer Inspektionsreise durch Deutschland war er auch auf Bernsdorf gestoßen und entschied sich, hier das Grundstück und die Gebäude der „Ludwigshütte“ für ein eigenes Unternehmen zu erwerben. Da er hier kein in der Zinkweißproduktion geschultes Personal vorfand, vorfinden konnte, holte er sich dieses aus Oberschlesien her. Um die Produktionsanlagen errichten zu können, verkaufte Dudek ein Patent, da das notwendige Kapital nicht vorhanden war.

Die politische Situation dieser Zeit war gekennzeichnet durch die sich anbahnende nationale Einigung von oben. Die Schaffung des norddeutschen Bundes 1867 war ein entscheidender Schritt dazu. Auch die wirtschaftliche Einigung stand vor der Vollendung. Der Konzentrationsprozess in der Wirtschaft ging rasch voran. Insofern war die Lage für die Gründung eines neuen Unternehmens nicht ungünstig. Lediglich die fehlende Eisenbahnverbindung war ein Minus in der Kalkulation.

Wie in dem Abschnitt über die Anfänge des Braunkohlenbergbaus um Bernsdorf dargestellt, gab es mit den Gruben „Friedrichsglück“, „Ziethen“, „Constantia“, und nach 1 870/71 mit den Gruben „Amalia“ und vor allem „Saxonia“, eine stabile Versorgung mit Brennstoffen.

Durch das Ablösungsgesetz von 1850 standen auch genügend billige Arbeitskräfte für die neue Fabrik zur Verfügung. Das galt auch wenige Jahre später, 1872, bei der Gründung der Glashütte der Gebrüder Hoffmann; vor allem war das ansässige Land- bzw. Halbproletariat unerfahren im Klassenkampf.

Am 2. Dezember 1869 erfolgte der Kauf der „Ludwigshütte“ und am 12. August 1870 erhielt Dudek mit detaillierten Auflagen der königlichen Regierung in Liegnitz die Genehmigung zur Errichtung der Zinkweibfabrik.

1870 wurde die Produktion aufgenommen. Die Zinkrohstoffe bezog man aus Oberschlesien. Sie mussten von Kamenz oder Spremberg mit Pferdefuhrwerken nach Bernsdorf transportiert werden, da bekanntlich erst 1874 die Bahnverbindung zustande kam.

Dudek hatte zunächst mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Da war die marktbeherrschende Konkurrenz vor allem aus Belgien. Obwohl das Bernsdorfer Zinkweiß einen höheren Weißgrad und auch in anderer Beziehung eine bessere Qualität aufwies, stand die Kundschaft dem neuen Produkt und seinem Produzenten mit Skepsis gegenüber. Mit großer Mühe und mit Hilfe des Berliner Bankhauses Jacques konnte der Konkurs vermieden werden.

Über die anfängliche technische Ausrüstung ist wenig bekannt, da Dudek sich nicht in die Karten sehen lassen wollte. Deshalb war in den Unterlagen nur das Allernötigste dokumentiert. In der ersten „Fabrikordnung“ von 1886 wird der Geist dieser Einstellung deutlich.

Dort heißt es: „Ein Verrat von Einrichtungen dieser Fabrik ‚Ludwigshütte’, welche derselben eigentümlich sind, durch Beamte, Arbeiter und Besucher derselben wird in jedem Falle als Vertrauensbruch, in Fällen eigennütziger Preisgabe oder Anwendung auch als Diebstahl verfolgt; auch wird Schadenersatz beansprucht.

Unerlaubtes Eindringen in diese Fabrik wird als Hausfriedensbruch geahndet. Beamte und Arbeiter, die letzteres nicht nach Möglichkeit verhindern, werden mit 5 Mark jedes Mal bestraft.“ (Arbeitsordnung für die Arbeiter der Ludwigshütte zu Bernsdorf OL. vom 22.4.1892). Es sollte sich ein „Arbeiterstamm“ entwickeln, der ohne ausgeprägtes Klassenbewusstsein und Klassenkampfbestrebungen blieb und willige Arbeitskräfte stellte.

Drastische Strafen bei geringsten Versäumnissen, Vergehen oder ungebührliches Benehmen gegen Vorgesetzte oder Mitarbeiter, bei Alkoholgenuss oder Streitigkeiten u.a. waren an der Tagesordnung. Die Eintragungen in der Stammrolle des Betriebes sind Ausdruck von unglaublicher Willkür, sozialer Brutalität und Überheblichkeit. Ferner zögerte der Unternehmer nicht, wenn er sich von politisch tätigen Arbeitern trennen wollte: Zahlreiche Beispiele sind dafür bekannt. 1894 kündigte man dem Schmied Adolf Synatschke; Grund: „Sozialdemokrat und faul“. 1906 wurde Hermann Rensch „wegen Aufwiegelung“ entlassen. 1911 verlor der gleichfalls als Tagelöhner beschäftigte Emil Marwitz „wegen schlechten Glühen“ seinen Arbeitsplatz. Der Kopierstiftvermerk in der Stammrolle „Kassierer bei den Sozialen“ offenbart den Entlassungsgrund. Arbeitskräfte standen in genügender Anzahl zur Verfügung und jeder wusste, dass gemaßregelte Arbeiter außerordentliche Schwierigkeiten hatten, einen neuen Arbeitsplatz zu finden. So wurden alle Versuche revolutionärer Bewegung im Keime erstickt. Unterstützung fand der Unternehmer dadurch, dass später bereits die Väter Zinkhüttenarbeiter waren und sich damit eine gewisse Familientradition, auf der Ludwigshütte zu arbeiten, herausbildete.

So hemmte auch diese Bindung die Entwicklung eines proletarischen Klassenbewusstseins und führte dazu, dass die „Ludwigshütte“ der einzige Betrieb der Umgebung blieb, in dem niemals gestreikt wurde. Nicht zuletzt verstand es Dudek ausgezeichnet, durch gönnerhafte Gesten sich Sympathien in der Bevölkerung zu erwerben. Präsente anlässlich der Weihnachts- und Betriebsfeste und Arbeitsjubiläen waren weitere Anlässe, sich den Betreffenden „erkenntlich zu zeigen“. So umgab sich Dudek mit dem Nimbus des patriarchalischen Unternehmers. Er erreichte u.a., dass eine Bernsdorfer Straße nach ihm benannt wurde. Die heutige Parkstraße hieß bis 1950 Max-Dudek-Straße. Seit Februar 1911 existierte auch eine Stiftung der Gebrüder Dudek in Höhe von 25.000 Mark. Von den Zinsen sollten langjährige bedürftige oder arbeitsinvalide Zinkhüttenarbeiter Unterstützung erhalten. Zum fünfundzwanzigjährigen Dienstjubiläum erhielt jeder Werksangehörige eine Prämie von 100 Mark.

1892 übergab Dudek die Leitung der „Ludwigshütte“ an seine Söhne Max, Hermann und Hugo Dudek. Die Firma nannte sich jetzt „J. H. Dudek Söhne“. Die Dudeks waren außerdem die Hauptaktionäre der „Aktiengesellschaft für Glasfabrikation, vormals Gebrüder Hoffmann.“ Max Dudek war von 1886 bis zur Verlegung seines Wohnsitzes von Bernsdorf nach Dresden-Blasewitz im Jahre 1911 Amtsvorsteher von Bernsdorf und Abgeordneter des Kreistages. Der 1900 gegründeten „Handelskammer der preußischen Oberlausitz zu Görlitz“ gehörte er seit der Gründung an und war von 1905 bis 1920 erster Stellvertreter und von 1921 bis 1925 zweiter Stellvertreter des Präsidenten.

Das alles kennzeichnet seine Machtstellung in der politisch-wirtschaftlichen Szene. Der Mitinhaber der Firma, Hermann Dudek, starb 1910. Hugo Dudek nahm seinen Wohnsitz in Teplitz (Teplice in Böhmen) in der Nähe des neuen Zweiges des Firmenimperiums bei Settenz. 1895 war in Settenz bei Teplitz eine neue Zinkweißfabrik gegründet worden, die zunächst als Zweigbetrieb „Gebrüder Dudek“ firmierte.

Die Profite, die J. H. Dudek in der Bernsdorfer Hütte gemacht hatte, dienten jetzt dazu, einen Familienkonzern zu errichten. Schon 1897 konnte dem neuen Werk eine Braunkohlengrube angegliedert werden. Als im Jahre 1905 der Hütten- und Elektroingenieur Rudolf Krauße von der Zinkweißhütte Birkengang im Rheinland als technischer Direktor eingestellt wurde, begann ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Bernsdorfer „Ludwigshütte“.

Der Betrieb wurde in kurzer Zeit wesentlich erweitert und umgestaltet. Bisher waren je ein Zinkweißofen und ein Zinkofen betrieben worden. Nun entstand ein zweites Ofenhaus und schließlich Ofen III. Der öffentliche Weg, der noch durch das Hüttengelände geführt hatte, wurde eingezogen und die Eichgartenstraße in der heutigen Wegeführung von der Dorfaue zur Hoyerswerdaer Straße verlegt.

In der Nacht vom 13. zum 14. April 1912 zerstörte ein Großfeuer die „Alte Hütte“ bis auf die Grundmauern. Die neue „Hütte“, also der Komplex der unter Direktor Krauße errichtet worden war, blieb vom Feuer verschont. Vernichtet wurden auch ca. 150 Tonnen Zinkweiß, das für den Export nach Russland bestimmt war. Den Schaden in Höhe von 120.000 Mark zahlte die Versicherung. Bereits nach drei Monaten konnte die Produktion wieder aufgenommen werden. Das Werk erhielt eine Einbindung an die schon von der Grube Saxonia 1884 gebaute Kohlebahn nach Bernsdorf zum Bahnhof Straßgräbchen. Dieses Anschlussgleis erhielt 1911 eine zweite Einbindung unterhalb des Hüttengeländes.

1911 errichteten die Dudeks eine neue Zinkweißhütte in Settenz. Dieser Firmenkomplex wurde in den zwanziger und dreißiger Jahren in großen Maße weiter ausgebaut. Zu dem Dudek-lmperium gehörten schließlich 13 Betriebe in Deutschland und der Tschechoslowakei in denen 10 verschiedene Produkte hergestellt wurden.

aus: Meusel, G. (2000): Geschichte der Stadt Bernsdorf - Von den Anfängen bis zum Endes des ersten Weltkrieges I. – 310 S., zahlr. Abb., zahlr. Tab.; Bernsdorf (Eigenverlag Stadt Bernsdorf).


Ludwigshütte um 1910
Preiskatalog ca. 1879

Ludwigshütte 2004
Verwaltungsgebäude 2004